Geschichte

Dreihundertfünfzig Jahre
„Goldener Hirsch“ zu Rothenburg ob der Tauber

Herbergen und Wirtshäuser hat es in einer Stadt von der politischen und wirtschaftlichen Bedeutung Rothenburgs schon vor siebenhundert Jahren gegeben; denn bereits in einem städtischen Gesetzbuch um das Jahr 1280 ist von Herbergen und Trinkstuben die Rede, als deswegen bestimmte Anordnungen erlassen werden. Als in der Zeit, da der „König von Rothenburg“, der Bürgermeister Heinrich Toppler die Geschicke der Reichstadt mit starker Hand leitete und er in der Jakobskirche die kostbare Reliquie des Heiligen Blutes hatte aufstellen lassen, setzt eine ungeheure Wallfahrt der Gläubigen nach Rothenburg o.d.T. ein.

Viele viele Fremde aus allen Teilen Deutschlands besuchten kurz vor 1400 die liebliche Stadt über dem Taubertal in jedem Jahre und wollten nach vollbrachter Andacht hier auch Essen und guten Trunk finden.

Aus dem Flusstal zogen die Wallfahrerscharen am Koboldzeller Kirchlein vorbei durch das Stadttor in die ansteigende Schmiedgasse zum Marktplatz und zur großen Jakobskirche. Gerade in der Schmiedgasse waren deshalb seit jeher Herbergen und Trinkstuben für die Fremden.
Merkwürdig für Rothenburg ist die Tatsache, dass die Wirtschaften damals noch keine Namen, keinen Schild führten, sondern sogenannte Heckenwirtschaften und nur nach dem Besitzer benannt waren. Erst etwa fünfzig Jahre nach dem Bauernkrieg von 1525, also um 1580, tauchen die ersten Wirtschaften mit Sie kennzeichneten Namen auf.

Auch in der unteren Schmiedgasse – der Teil hieß damals „Der Holzmarkt“ – ragt in dieser Zeit ein Wirtschild an langem Arm in die Straße hinein und zeigte einen springenden, goldenen Hirschen.
Genau vor 350 Jahren-im Jahre 1588- taucht in den Urkunden der erst Wirt zum „gulden Hirschen“ in Rothenburg o. T. auf. Er heißt Hans Weber und muss erst kurz vorher die Herberge erworben haben; denn 1588 verlangt sein Sohn Hans Weber, Wirt in Bossendorf und sein Schwiegersohn Wolf Öffner, in Insingen von ihm die Auszahlung des mütterlichen Erbteils, nachdem der nunmehrige Hirschenwirt seinen Bauernhof in Mettlesholz verkauft und nach Rothenburg gezogen war. Das ist nun eine kurze Nachricht über den ersten Hirschenwirt. Das Leben in einer mittelalterlichen Gastwirtschaft vollzog sich im Wesentlichen nicht anders wie heute auch. An den Markttagen kamen die fränkischen Bauern aus der Umgebung mit ihren Fuhrwerken in die Stadt, um ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse los zu werden und anderes dagegen einzukaufen. Dann aber kehrten sie zur Vesper und zu gutem Trunk u.a. auch im Goldenen Hirschen ein, vor dem damals in langer Reihe sich die Bauernwagen stauten. Auch die Bürger und Handwerker der Stadt fanden sich in der Wirtstube am Abend zusammen, um bei Bier und Wein Neuigkeiten und Sorgen zu besprechen oder mit den Würfeln das Glück zu versuchen.

Bunt und vielgestaltig ist das Schicksal eines Hauses wie der Menschen, die es besitzen und in ihm ihr Leben verbringen. Im Jahre 1616 führte der Hirschenwirt Leonhard Stellwag einen Prozess mit seinem Nachbarn Michael König wegen der Wassertraufe, die das Wasser auf das Dach des Hirschen leite. Dieser Leonhard Stellwag betrieb außer der Wirtschaft noch ein Gewerbe, er war nämlich auch noch Bäckermeister. Sein Vater Josephat Stellwag war Senator der Reichstadt und gehörte zu den angesehenen Familien Rothenburgs.

Wie ein gewaltiger Gewittersturm brauste der Dreißigjährige Krieg über Deutschland von 1618 bis 1648 hinweg und vernichtete ein blühendes Land. Die Menschen verfielen dem Tode oder bitterer Not, fruchtbare Gegenden wurden zu Wüsteneien, die Bauern flohen entsetzt in die Wälder.
Statt der Bauern bevölkerten nun Soldaten aller Völkerschaften die Reichstadt Rothenburg und nahmen hier für lange oder für kurze Zeit Quartier. Je nachdem es das Kriegsglück fügte. Buntes Leben entwickelte sich im Gasthaus zum goldenen Hirschen, Offiziere und Soldaten zechten dort; aber sie vergaßen meist das Bezahlen. Das sollte die Stadt tun, aber das Säckel wurde leer und immer leerer. In der Zeit von 1627 schaute der Hirschenwirt Georg K ö r n e r sorgenvoll in die Zukunft und wünscht das baldige Ende des schecklichen Krieges herbei. Aber noch war daran nicht zu denken, vielmehr musste er noch die schreckensvolle Einnahme der Reichstadt Rothenburg durch Feldmarschall Tilly und den rettenden Meistertrunk im Jahre 1631 miterleben.

Als der dreißigjährige Krieg seinem Ende zuging, weil Land und Volk ausgeblutet waren, ist der goldene Hirschen im Besitz von Adam R a a b, der offenbar das Gasthaus in die Höhe bringt und nebenbei noch umfangreiche Landwirtschaft betreibt.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg – um 1650 – kam zur Wirtschaft zum Hirschen eine eigene Bierbrauerei. Als 1672 der Vorbesitzer gestorben war, erbte die Wirtschaft und Brauerei zum Hirschen der Metzger Michael Cübler, der sie seinem Sohn Conrad C ü b l e r geben wollte.

Wie fest nun damals schon die Wirte und Bierbrauer in einer Zunft zusammengefasst waren und sich gegen fremde Elemente wehrten, zeigt deutlich eine Beschwerde, in der eingewendet wird, der jung Cübler könne unmöglich in die Zunft aufgenommen werden, denn sein Großvater sei noch Stadtschäfer gewesen. Trotz alledem aber wurde Conrad Cübler Hirschenwirt.

In den Kriegen um 1690 waren im Hirschen Offiziere der verschiedensten Nationen untergebracht. Der Gasthof zum Hirschen in Rothenburg muss also damals schon sehr angesehen gewesen sein. Besitzer war in dieser Zeit Adam W o l f f. Er kaufte sich 1697 ein Haus in der Wendgasse, nachdem er den Hirschen an einen Nachkommen des Meistertrinkers Nusch, Georg Conrad N u s c h verkauft hatte. Am 19. August 1728 starb Georg Conrad Nusch und seine Witwe heiratet schon im nächsten Frühjahr-17.April 1736- den Lammwirtsohn Georg Michael Hirsching. Von diesem Hirsching stammt das Hauswappen, das im Jahre 1600 vom Kaiser Rudolph II . den Hirsching in Rothenburg erneut verliehen wurde. Das Wappen zeigt in der oberen Hälfte einen springenden Hirsch, die untere Hälfte ist blau und gold geteilt mit einer goldenen Kugel mit waagrechten Eisenreifen und senkrechter Eisenstange in einem Widerhaken endigend. Es ist ein seltsamer Zufall, dass nun zu der Wirtschuld des Hirschens auch noch das Wappen der Familie Hirsching kam.

Der neue Hirschenwirt war ein unternehmungslustiger und offenbar auch wohlhabender Mann. Im Jahre 1738 ließ er das ganze Haus niederreißen und neu, jedoch einen Stock höher, wieder aufbauen.

1744, nach dem Tode der Hirschenwirtin, kaufte das Gasthaus, Christoph K o r n d e r .
1748 begegnen wir der Hirschenwirtin Johanna Maria F ö r s t e r, die 1759 den Besitz ihrem Sohn Johann Michael Förster übergeben hatte.

Johann Georg W o l f f, aus einer bekannten Rothenburger Bierbrauerfamilie stammend, besaß den Hirschen 1784. Die Brauerei muss damals einen bedeutenden Bierumsatz gehabt haben. Sein Sohn Friedrich Daniel W o l f f war es, der den Hirschen über die schwere Zeit hinwegführen musste, als im Jahre 1802 die letzte Stunde der freien Reichstadt Rothenburg schlug und sie an die Krone Bayern kam.

Der Sohn hatte im Jahre 1801 von seinem Vater das Anwesen Haus Nr. 118 in der Schmiedgasse mit Nebengebäuden und eine Scheune in der Wendgasse mit Wurzgarten für -9.500 Gulden übernommen. Dazu kaufte Friedrich Daniel Wolff mit Vertrag vom 15. August 1815 das Konditor Roth´sche Wohnhaus Nr. 117 für 1.700 Gulden und riss beide Häuser nieder. Im Jahre 1816 wird auf der vergrößerten Grundfläche ein neuer Gasthof zum Hirschen erbaut, der den Grundstock für die heutige Anlage bildet.

Dreihundertfünfzig Jahre Hotelunternehmen zum „Goldenen Hirschen“ in Rothenburg o. d. Tauber! in der Zeit nach dem Bauernkrieg schaute die bescheidene Herberge kaum über die Stadtmauer. Immer höher wuchs sie im Laufe der nächsten Jahrhunderte und heute ist das mächtige Hotel mit dem unvergleichlich schönen Ausblick auf die wehrhafte tausendjährige Reichstadt Rothenburg und das liebliche Taubertal nicht mehr zu übersehen. Es ist zum historischen Hotel der Meistertrunkstadt geworden, von dem aus Rothenburg zum unvergesslichen Erlebnis wird.

G.Harro Schaeff – Scheefen.
7184 Kirchberg / Jagst
Wuerttemberg